LuRa

Am 9. November feierte, wer wollte, den 25. Jahrestag der Maueröffnung. Auch für mich, in der DDR geborener, ein besonderes Datum. Auch wenn mir damals das Tempo der „Wende“ etwas zu schnell war und vieles erhaltenswertes deshalb auf der Strecke blieb, gab es wohl keine Alternative dazu.

An so einem besonderen Jubiläum holt man freilich Erinnerungen aus frühere Zeit wieder hervor.

So ist mir eine Begebenheit während meines „Grundwehrdienstes“ in Erinnerung geblieben, an die ich mich gerne erinnere und die mir auf wundersame Weise wieder in Erinnerung gerufen wurde.

Mit 24 Jahren wurde ich zum Wehrdienst einberufen. Die 1 1/2 Jahre waren mir mehr als genug, auch wenn ich dabei Glück hatte. Denn die Bereitschaftspolizei war nur 20 Straßenbahnminuten entfernt (allerdings bei höchstens einem Ausgang pro Woche). Besser als Grenze und weit weg, dachte ich mir. Damals brodelte es schon in der DDR. Das heisst, es waren im Hintergrund schon oppositionelle Kräfte aktiv, die unerwünscht waren und für mich als Bereitschaftspolizist potentielle „Feinde“.

So kam es, dass bei einer Ausbildungsstunde auf dem Exerzierplatz der Politoffizier, Genosse Hauptmann der VP, Ralf Störmer, zu uns kam und den Anwesenden eine brisante Frage stellte:

„Wer würde sich im Ernstfall weigern, den Schiessbefehl auszuführen“? Eine Frage, die man aus heutiger Sicht, sicher anders beantworten würde. Für mich war klar, dass ich sicher nie auf jemand schiessen würde. Aber gemeldet habe ich mich nicht. Aus Feigheit oder Angst meinen wöchentliche Ausgang gestrichen zu bekommen…

Es hatte sich niemand gemeldet. Bis auf Lutz Ranacher. Ein sympathischer, ruhiger Zeitgenosse, mit dem ich gut zurecht kam. Er hatte den Mut zu sagen: „Das würde ich nicht machen“. Das war damals sehr mutig. Meines Wissens hatte das aber keine Konsequenzen für ihn. Denn schliesslich hatten wir einen Eid abgelegt…

Mit Lutz hatte ich dann noch öfters Kontakt, der sich aber verlief, als ich in die Schweiz auswanderte. Hatte immer mal im Internet nach ihm gestöbert. Aber nicht Jedermann ist auf den sogenannten sozialen Netzwerken aktiv…

Als wir neulich in Weimar waren, hatte sich Daniela in den Kopf gesetzt, einen 30 Km Lauf zu machen. Der Ettersberg, mit dem Buchenwald und dem gleichnamigen früheren KZ Buchenwald, sollte es sein. Um wirklich 30 Km zu laufen, mussten wir etwas ausholen und sind von Weimar aus über Schöndorf, Richtung Ettersburg und dann links durch den Wald. Richtung hatte gestimmt, dachte ich. Aber wir waren schon lange unterwegs und dann doch nicht sicher, in diesem fremden Wald, wo man wirklich Niemandem begegnet. Bis dann doch noch zwei Leute auftauchten, die ihre Hunde ausführten. Wir waren schon ein paar Meter vorbei gejoggt, bis Daniela sagte, ob wir sie nicht doch nach dem Weg fragen sollten. Also zurück. „Ist das die Richtung Buchenwald?“, fragte ich. „Peter Nusseck?“ mein Gegenüber. Wenige Sekunden später lagen wir uns in den Armen.

Lutz Ranacher!

Wir haben nicht nur den Buchenwald gefunden.

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