Mal wieder Biel

100 Km Biel!

Hatte mich kurz vor Toresschluss noch registriert und bin dann schliesslich am Freitag Abend mit dem Zug angereist, auf Radbegleitung bewusst verzichtend. Denn, es würde lang werden. Soviel stand fest.

An meinen Bestzeiten zu Jahrtausendwende komme ich nicht mal ansatzweise mehr heran. Das geht jedem so, der solche Ultrageschichten immer mal betreibt. Eigentlich über alle Distanzen, die so im Wettkampfkalender angeboten werden.

Nach Biel zu gehen, hatte dieses Mal bei mir keinerlei vernünftigen Aspekt. Aber, es wurde für mich mal wieder Zeit für ein Erfolgserlebnis. Nach meinem Jobverlust und mittlerweile 150 Bewerbungen, dachte ich, mir das gönnen zu müssen. Nur so einfach ist das nicht.

Start im Stadtzenrum von Biel mit viel Volk, die einerseits die Läufer dieses Urultra anfeuerten, anderseits ein Auge auf die Fernsehschirme hatten, wo das Fußball WM Spiel zwischen Spanien und Holland lief.

Konnte aber irgendwie nie die Stimmung in Biel und auch später in den vielen zu durchlaufenden Ortschaften genießen. Nur Krampf. Das wird Heute nichts.

Am ersten Stück Banane (!) an den reich gedeckten Verplegungsständen, beisse ich mir noch eine Zahnbrücke heraus. Das passte gerade nicht. Also Schluss, Aus, Abbrechen. Nur, wie komme ich jetzt zurück nach Biel? Also laufe ich zumindest bis Aarberg, wo der Halbmarathon endet. Dort wird es schon Busse haben. Aber wenn ich einmal hier bin, dachte ich mir, läufst du zumindest bis Oberramsern. Das ist das Finish des Nachtmarathon, die in Biel noch eine Zusatzrunde machen. Der Hunderter hat dort ca. 38 Km. Das ist genug für heute.

Nur, sitze ich im Bus mit gutgelaunten Marathonfinishern und ich bin nicht mal diese Strecke gelaufen?

Also bis Kirchberg, km 58. Das ist auch eine ordentliche Strecke, man wird offiziell gewertet, bekommt Diplom und Shirt. Dort auszusteigen ist nicht schön, aber verlockend…

Habe schon frühzeitig Gehpausen eingelegt. So bin ich natürlich weit entfernt von früheren Durchgangszeite oder Teilstrecken. Spreche unterwegs mit Andi, einen Zeitsoldaten aus Deutschland, den Knieprobleme plagen und entschlossen ist in Kirchberg auszusteigen. Für mich gibt es auch keinen Zweifel, meiner Qual ein Ende zu setzen. Am Verpflegungsbuffet schlemme ich Orangenstücke und Linzer Torte. Noch einen Becher Cola und zum Bus zurück nach Biel.

Dumm nur, der Bus fährt gerade weg. Gehe wieder zum Verpflegungsstand, um noch ein paar Happen zu ergattern. Ist ja schließlich gezahlt.

Wie ich dort so stehe, überlege ich, was währe wenn…

Die Zeit ist ohnehin egal und Biel ist nicht Kirchberg, km 56, sondern Biel 100 km. Also weiter. Und siehe da, so schlecht läuft es gar nicht. Der Ho Chi Minh Pfad, auf den es jetzt geht, ist ohnehin nicht mehr dieser Stolperweg früherer Jahre und ausserdem wird es schon hell. Auch eine neue Erfahrung für mich.

Freilich gibt es noch Gehpausen und Längen, der Aare entlang. Aber auch geniale Momente, in den erwachenden Tag hinein zu laufen, mit anderen Leidensgenossen wortlos kommunizierend. Das ist Biel.

Bin froh, dass mir das Schicksal, des in Kirchberg vor der Nase wegfahrenden Busses, auf den richtigen Weg gebracht hat und mir, unabhängig von Zeit und Platzierung, das Erlebnis 100 Km Biel, mit all seinen Hochs und Tiefs, einer Zahnbrücke im Rucksack und einigen Runners Hights ermöglicht hat.

Wenn ich vernünftig bin, war es mein letzter Bieler Hunderter.

Nie, nie wieder.

Nie wieder Biel habe ich sicher schon öfter gesagt. Doch je näher der Termin des Bieler 100 km Laufes kam, hat es mehr und mehr bei mir gekribbelt. Da ich am Freitag schaffen musste, erwog ich den Start beim Nachtmarathon. Das verwarf ich auch wieder. Biel ist der Hunderter, Schluss aus, es sei denn, man ist Anfänger oder Greis.

So trank ich am Freitag ein Bier und ging halb 11 schlafen. Die Nacht war unruhig. Immer wenn ich wach wurde, schaute ich auf die Uhr. Wo währe ich jetzt? Aarberg, Kirchberg, Ho Chi Minh-Pfad? Erste Amtshandlung nach dem Aufstehen: die vorläufige Rangliste. Freude über die Frauensiegerin Gabriele Werthmüller, die sich den Sieg verdient hat.

Würde mal sagen, das waren ausgewachsene Entzugserscheinungen bei mir. Die werden nächstes Jahr weniger und verschwinden ganz. Aber ich fürchte, nächstes Jahr stehe ich anfangs Juni an einem Freitag Abend an einer Startlinie…