Übermut

Es sollte das Jahr der persönlichen Laufjubiläen werden. Jeweils 10x Finish am Marathon Deutsche Weinstrasse und beim Bieler Hunderter waren die Neujahrswünsche. Den ersten Teil konnte ich einlösen, merkte aber wenige Tage nach dem Weinstrassen Marathon, dass eine Muskelverletzung den Bieler unwahrscheinlich werden lassen würden. Musste so auf den 1. Aargau Marathon verzichten, den ich als langes Training in Vorbereitung gerne absolviert hätte.

Doch vor wenigen Wochen schien die Verletzung auskuriert. Nur bei den beiden Läufen über 30 km habe ich noch leicht etwas davon gespürt. Den Mutigen gehört die Welt. Also Startgeld eingezahlt und mögliche Risiken und Nebenwirkungen ignorieren.

So stand ich hoffnungsfroh an der Startlinie beim Kongresshaus in Biel, um die Strecke von 100 km zum 10. Mal zu vollenden und damit einen schönen Schlussstrich unter diesen Lauf ziehen zu können.

Es liess sich auch gut an. Wie immer gute Stimmung in der Bieler Innenstadt und in den Stimmungsnestern entlang der Strecke. Später einsetzende Regenschauer empfand ich als willkommene Abkühlung. Leider machte sich die Verletzung schon vor der 30 Km Marke wieder bemerkbar und das Erreichen des Ziels in Biel wurde immer unwahrscheinlicher. Nochmals 70 km, dazu der Ho-Chi-Minh Pfad wären selbst marschierend aussichtslos gewesen. So musste ich es schweren Herzens bei einer Teilstrecke belassen.

Im Nachhinein kann ich nur spekulieren, ob der Mut Übermut war, den Start zu riskieren. Wie auch immer, das ist wohl kein schöner Abschluss meiner Biel-Karriere…

 

Die Legende lebt

Wenn ich vernünftig bin, war es mein letzter Bieler Hunderter.“ So war genau vor einem Jahr an gleicher Stelle zu lesen.

Vernunft hin und her. Nach einem Jahr vergisst man die Schmerzen und Strapazen so eines Laufes. Was bleibt ist das Erfolgserlebnis, so eine Strecke bewältigt zu haben.

Also habe ich in den letzten Monaten ein paar längere Trainingsläufe gemacht sowie in Malta und Muttenz die Marathondistanz absolviert. Ich fahre nicht mehr nach Biel um mich an meine persönlichen Bestzeiten zu messen; sonst dürfte ich gar nicht mehr Wettkämpfe bestreiten.

Die gemeldete Gewitterfront hat sich verzogen und so konnte ich mich mit ca. 1300 Startern auf eine milde Sommernacht freuen. Tolle Stimmung in Biel, wo im fußballfreien Jahr viel Volk unterwegs war. 

Raus aus der Stadt gleich der Aufstieg mit gut 150 Höhenmetern nach Jens. Als Routinier lässt man gelassen die Übereifrigen überholen. Das Feld zieht sich rasch auseinander. Es wird kaum gesprochen. Nächster Höhepunkt Aarberg, mit der bekannten Holzbrücke und dem Marktplatz. Habe erst in den letzten Jahren bemerkt, dass es dort leicht bergauf geht. Das kann man in der Euphorie schnell vergessen, die im Spalier durch die Zuschauer schon mal aufkommen kann.

Weiter nach Lyss, wo die Begleiter mit dem Rad auf „ihre“ Läufer warten und kurz darauf gleich auf die erste Bewährungsprobe in Form einen kurzen Aufstieges bewältigen müssen.

Das erste Viertel liegt hinter mir, die Beine werden langsam schwerer. Es werden kleine Dörfer passiert, wo nach Mitternacht die Festbänke noch gut gefüllt sind. Je später die Nacht, um so lustiger die Zuschauer…

Kirchberg, der Kulminationspunkt des Rennens. Nach 57 Kilometern hat man eigentlich genug, es geht auf den berühmt-berüchtigten Ho-Chi-Minh Pfad. Anderseits wartet ein warmer Bus für die Rückfahrt, man wird in der Teilstrecke gewertet und bekommt ein Shirt. Auf dem steht aber nicht “Finisher”. Also gehe ich auf die Verlockung nicht ein und laufe weiter, obwohl von unten nach ober kaum ein Körperteil schmerzfrei ist.

Zu allem Überfluss neigen sich die Batterien meiner Stirnlampe dem Ende entgegen. Zum Glück hat Nina Ropertz Licht dabei und ich frage, ob ich ihr folgen darf. In angenehm gleichmässigen Tempo trotte ich ihr hinterher. An dieser Stelle nochmals danke dafür. Im Gegensatz zu mir kann sie ihr Tempo halten und wird mir bis ins Ziel über eine dreiviertel Stunde abnehmen.

Raus aus dem Ho-Chi-Minh Pfad wird es rasch hell. Nun sind kaum noch Zuschauer in den Dörfern. Ausser ein paar Jungs, die als letzte Gäste einer Party an der Strecke stehen und mir bereitwillig einen Schluck aus ihrer Bierflasche abgeben. An mir “kuhlem Siech” haben sie sichtlich Freude. Der Schluck kühles Bier weckt bei mir wieder die Lebensgeister. Leider nur kurz. Ich muss nun öfters Gehpausen einlegen. Versuche mich mit Musik zu motivieren. Das klappt auch nicht nachhaltig. Nach 70 Km schaue ich auf die Uhr. Kurz nach 6 Uhr. Da war ich in guten Jahren schon im Ziel… Egal, weiter.

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Nach knapp 80 Km wird der höchste Punkt erreicht und man kann die Abwärtspassage nutzen, um sich zu erholen. Dumm nur, dass meine Beine so schmerzen, dass an joggen nicht zu denken ist.

Von Arch sind es nicht enden wollende 18 Kilometer der Aare entlang. Komme wieder ins Laufen und versuche die verlockenden Gehpausen knapp zu halten. Km 90, höre zum 3. Mal „Sultans of Swing“. Das legendäre Gitarrensolo beschert mir immer wieder einen wohlig, kühlen Schauer über den Rücken.  Versuche mit einer Mischung aus Cola, Gel, Orangenstücken und Musik mich immer weiter zu schleppen. „Speedway on Nazareth“ treibt mir schon bei den ersten Tönen Tränen in die Augen. Kilometer 95:“Telegraph Road“. Ich wecke mit meinem lauten „Yeah“ einen schlafenden Hund, der am Wegesrand schläft. Kilometer 99: Musik ist im Rucksack verstaut. Ich will den letzten Kilometer geniessen und treffe auf eine Fee (Tanja Höschele), die mich fragt, ob ich sie mitnehme. Zusammen laufen wir den letzten Kilometer zusammen und kommen überglücklich ins Ziel.

Das war mein 9. Finish in Biel. Gut 4 Stunden länger als vor 14 Jahren bedeutet 4 Stunden mehr Leiden und Schmerzen. Das Gefühl, so etwas geleistet zu haben wiegt aber vieles auf. Ein Gefühl, dass man mit keinem Geld der Welt kaufen kann.

Es gibt längere Läufe und härtere Läufe. Der Bieler, als einer der Ur-Ultras, bleibt für mich etwas Besonderes.

Die Legende lebt. 

 

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Mal wieder Biel

100 Km Biel!

Hatte mich kurz vor Toresschluss noch registriert und bin dann schliesslich am Freitag Abend mit dem Zug angereist, auf Radbegleitung bewusst verzichtend. Denn, es würde lang werden. Soviel stand fest.

An meinen Bestzeiten zu Jahrtausendwende komme ich nicht mal ansatzweise mehr heran. Das geht jedem so, der solche Ultrageschichten immer mal betreibt. Eigentlich über alle Distanzen, die so im Wettkampfkalender angeboten werden.

Nach Biel zu gehen, hatte dieses Mal bei mir keinerlei vernünftigen Aspekt. Aber, es wurde für mich mal wieder Zeit für ein Erfolgserlebnis. Nach meinem Jobverlust und mittlerweile 150 Bewerbungen, dachte ich, mir das gönnen zu müssen. Nur so einfach ist das nicht.

Start im Stadtzenrum von Biel mit viel Volk, die einerseits die Läufer dieses Urultra anfeuerten, anderseits ein Auge auf die Fernsehschirme hatten, wo das Fußball WM Spiel zwischen Spanien und Holland lief.

Konnte aber irgendwie nie die Stimmung in Biel und auch später in den vielen zu durchlaufenden Ortschaften genießen. Nur Krampf. Das wird Heute nichts.

Am ersten Stück Banane (!) an den reich gedeckten Verplegungsständen, beisse ich mir noch eine Zahnbrücke heraus. Das passte gerade nicht. Also Schluss, Aus, Abbrechen. Nur, wie komme ich jetzt zurück nach Biel? Also laufe ich zumindest bis Aarberg, wo der Halbmarathon endet. Dort wird es schon Busse haben. Aber wenn ich einmal hier bin, dachte ich mir, läufst du zumindest bis Oberramsern. Das ist das Finish des Nachtmarathon, die in Biel noch eine Zusatzrunde machen. Der Hunderter hat dort ca. 38 Km. Das ist genug für heute.

Nur, sitze ich im Bus mit gutgelaunten Marathonfinishern und ich bin nicht mal diese Strecke gelaufen?

Also bis Kirchberg, km 58. Das ist auch eine ordentliche Strecke, man wird offiziell gewertet, bekommt Diplom und Shirt. Dort auszusteigen ist nicht schön, aber verlockend…

Habe schon frühzeitig Gehpausen eingelegt. So bin ich natürlich weit entfernt von früheren Durchgangszeite oder Teilstrecken. Spreche unterwegs mit Andi, einen Zeitsoldaten aus Deutschland, den Knieprobleme plagen und entschlossen ist in Kirchberg auszusteigen. Für mich gibt es auch keinen Zweifel, meiner Qual ein Ende zu setzen. Am Verpflegungsbuffet schlemme ich Orangenstücke und Linzer Torte. Noch einen Becher Cola und zum Bus zurück nach Biel.

Dumm nur, der Bus fährt gerade weg. Gehe wieder zum Verpflegungsstand, um noch ein paar Happen zu ergattern. Ist ja schließlich gezahlt.

Wie ich dort so stehe, überlege ich, was währe wenn…

Die Zeit ist ohnehin egal und Biel ist nicht Kirchberg, km 56, sondern Biel 100 km. Also weiter. Und siehe da, so schlecht läuft es gar nicht. Der Ho Chi Minh Pfad, auf den es jetzt geht, ist ohnehin nicht mehr dieser Stolperweg früherer Jahre und ausserdem wird es schon hell. Auch eine neue Erfahrung für mich.

Freilich gibt es noch Gehpausen und Längen, der Aare entlang. Aber auch geniale Momente, in den erwachenden Tag hinein zu laufen, mit anderen Leidensgenossen wortlos kommunizierend. Das ist Biel.

Bin froh, dass mir das Schicksal, des in Kirchberg vor der Nase wegfahrenden Busses, auf den richtigen Weg gebracht hat und mir, unabhängig von Zeit und Platzierung, das Erlebnis 100 Km Biel, mit all seinen Hochs und Tiefs, einer Zahnbrücke im Rucksack und einigen Runners Hights ermöglicht hat.

Wenn ich vernünftig bin, war es mein letzter Bieler Hunderter.

Vorbereitung abgeschlossen

Die Vorbereitung für die 100 Km in Biel ist abgeschlossen. Das waren dann noch mal 2 kilometerreichen Wochenenden mit einem Training über die Marathondistanz hinaus und weiteren längeren Abschnitten. Nun kann ich die letzten 10 Tage vor der Nacht der Nächte den Trainingsumfang reduzieren und hoffen, nicht krank zu werden oder noch eine Verletzung einzufangen. Dann muss „nur“ noch der Kopf bereit sein, für die lange Nacht von Biel nach Biel.