Die Legende lebt

Wenn ich vernünftig bin, war es mein letzter Bieler Hunderter.“ So war genau vor einem Jahr an gleicher Stelle zu lesen.

Vernunft hin und her. Nach einem Jahr vergisst man die Schmerzen und Strapazen so eines Laufes. Was bleibt ist das Erfolgserlebnis, so eine Strecke bewältigt zu haben.

Also habe ich in den letzten Monaten ein paar längere Trainingsläufe gemacht sowie in Malta und Muttenz die Marathondistanz absolviert. Ich fahre nicht mehr nach Biel um mich an meine persönlichen Bestzeiten zu messen; sonst dürfte ich gar nicht mehr Wettkämpfe bestreiten.

Die gemeldete Gewitterfront hat sich verzogen und so konnte ich mich mit ca. 1300 Startern auf eine milde Sommernacht freuen. Tolle Stimmung in Biel, wo im fußballfreien Jahr viel Volk unterwegs war. 

Raus aus der Stadt gleich der Aufstieg mit gut 150 Höhenmetern nach Jens. Als Routinier lässt man gelassen die Übereifrigen überholen. Das Feld zieht sich rasch auseinander. Es wird kaum gesprochen. Nächster Höhepunkt Aarberg, mit der bekannten Holzbrücke und dem Marktplatz. Habe erst in den letzten Jahren bemerkt, dass es dort leicht bergauf geht. Das kann man in der Euphorie schnell vergessen, die im Spalier durch die Zuschauer schon mal aufkommen kann.

Weiter nach Lyss, wo die Begleiter mit dem Rad auf „ihre“ Läufer warten und kurz darauf gleich auf die erste Bewährungsprobe in Form einen kurzen Aufstieges bewältigen müssen.

Das erste Viertel liegt hinter mir, die Beine werden langsam schwerer. Es werden kleine Dörfer passiert, wo nach Mitternacht die Festbänke noch gut gefüllt sind. Je später die Nacht, um so lustiger die Zuschauer…

Kirchberg, der Kulminationspunkt des Rennens. Nach 57 Kilometern hat man eigentlich genug, es geht auf den berühmt-berüchtigten Ho-Chi-Minh Pfad. Anderseits wartet ein warmer Bus für die Rückfahrt, man wird in der Teilstrecke gewertet und bekommt ein Shirt. Auf dem steht aber nicht “Finisher”. Also gehe ich auf die Verlockung nicht ein und laufe weiter, obwohl von unten nach ober kaum ein Körperteil schmerzfrei ist.

Zu allem Überfluss neigen sich die Batterien meiner Stirnlampe dem Ende entgegen. Zum Glück hat Nina Ropertz Licht dabei und ich frage, ob ich ihr folgen darf. In angenehm gleichmässigen Tempo trotte ich ihr hinterher. An dieser Stelle nochmals danke dafür. Im Gegensatz zu mir kann sie ihr Tempo halten und wird mir bis ins Ziel über eine dreiviertel Stunde abnehmen.

Raus aus dem Ho-Chi-Minh Pfad wird es rasch hell. Nun sind kaum noch Zuschauer in den Dörfern. Ausser ein paar Jungs, die als letzte Gäste einer Party an der Strecke stehen und mir bereitwillig einen Schluck aus ihrer Bierflasche abgeben. An mir “kuhlem Siech” haben sie sichtlich Freude. Der Schluck kühles Bier weckt bei mir wieder die Lebensgeister. Leider nur kurz. Ich muss nun öfters Gehpausen einlegen. Versuche mich mit Musik zu motivieren. Das klappt auch nicht nachhaltig. Nach 70 Km schaue ich auf die Uhr. Kurz nach 6 Uhr. Da war ich in guten Jahren schon im Ziel… Egal, weiter.

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Nach knapp 80 Km wird der höchste Punkt erreicht und man kann die Abwärtspassage nutzen, um sich zu erholen. Dumm nur, dass meine Beine so schmerzen, dass an joggen nicht zu denken ist.

Von Arch sind es nicht enden wollende 18 Kilometer der Aare entlang. Komme wieder ins Laufen und versuche die verlockenden Gehpausen knapp zu halten. Km 90, höre zum 3. Mal „Sultans of Swing“. Das legendäre Gitarrensolo beschert mir immer wieder einen wohlig, kühlen Schauer über den Rücken.  Versuche mit einer Mischung aus Cola, Gel, Orangenstücken und Musik mich immer weiter zu schleppen. „Speedway on Nazareth“ treibt mir schon bei den ersten Tönen Tränen in die Augen. Kilometer 95:“Telegraph Road“. Ich wecke mit meinem lauten „Yeah“ einen schlafenden Hund, der am Wegesrand schläft. Kilometer 99: Musik ist im Rucksack verstaut. Ich will den letzten Kilometer geniessen und treffe auf eine Fee (Tanja Höschele), die mich fragt, ob ich sie mitnehme. Zusammen laufen wir den letzten Kilometer zusammen und kommen überglücklich ins Ziel.

Das war mein 9. Finish in Biel. Gut 4 Stunden länger als vor 14 Jahren bedeutet 4 Stunden mehr Leiden und Schmerzen. Das Gefühl, so etwas geleistet zu haben wiegt aber vieles auf. Ein Gefühl, dass man mit keinem Geld der Welt kaufen kann.

Es gibt längere Läufe und härtere Läufe. Der Bieler, als einer der Ur-Ultras, bleibt für mich etwas Besonderes.

Die Legende lebt. 

 

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