Auf zu neuen Ufern: The Wayve

Am Samstag Abend, viertel vor 10 Uhr, stehen zwei seltsame Gestalten vor einem noblen Hotel in der Züricher City. Die Frau hat eine Schirmmütze auf dem Kopf und einen Plastikbeutel in der Hand. Die Jacke des Mannes, an ihrer Seite, ist alt und fleckig. Seine Hand umschliesst eine halbvolle Bierflasche. Er zittert vor Kälte und ist unrasiert. Die Dame an der Rezeption zögert einen Moment, dann öffnet sie den Beiden die Tür. Bei dem Paar handelte es sich um Daniela und mir. Wir sind nicht ausgeraubt oder heruntergekommen, sondern haben vor einer knappen Stunde einen der härtesten Ultraläufe bestanden.

The Wayve, heisst dieser neue Lauf, der unter der Leitung von Peter Wirz ins Leben gerufen wurde. Die Strecke geht um den Zürichsee. Jedoch nicht auf kürzestem Weg, was schon lang genug währe. Es sind mit dem Pfannenstiel und dem fast 1100 Meter hohen Etzel noch paar Umwege „eingebaut“, die The Wayve zu einem 111km langen Ultrabergcross machen. Die Höhenmeter summieren sich auf weit über 1800 Meter.

Pünktlich um 7 Uhr am Samstag Morgen werden die knapp 200 Single Wayver mit 6 Gongschlägen stimmungsvoll auf den Weg geschickt. Es ist nicht viel mit Einlaufen. Es geht gleich wellig, dem Hornbach entlang, bergauf. Es fällt schwer den Rhythmus zu finden. Erstaunlich, wie schnell wir aus der hektischen City im Grünen sind. Nach gut 14 Km haben wir, mit den 850 Meter hohen Pfannenstiel, der höchste Punkt auf der Nordseite des Sees, erreicht.

Laufe zusammen mit Daniela. Wir haben am Anfang Mühe mit den feucht-warmen Wetter. Eigentlich war für die Nacht und dem Vormittag starker Regen vorhergesagt, ist aber gar nicht so schlimm. Vorerst.

Es geht Richtung Rapperswil, leicht abfallen mit gelegentlichen Gegensteigungen. Die Beine werden langsam müde. Es folgen 15 flache Kilometer um das Ende des Sees, was aber nicht bedeutet, dass die Hälfte des Laufes hinter uns liegt. Habe das Gefühl stundenlang die gleiche Felsformation auf der anderen Seeseite zu sehen. Der Regen wird nun stärker.

Das Feld der Singles ist schon weit auseinandergezogen, es gibt kaum noch Positionswechsel. Nur die Sixpacks, Läufer die sich die 6 Etappen teilen und eine Stunde nach uns gestartet sind, überholen uns nun.

In Lachen, dem 3. Verpflegungspunkt, nach 60 Km gibt es nichts mehr zu lachen. Es schüttet wie aus Kübeln. Es ist sinnlos den Pfützen und Wasserlachen auszuweichen. Es folgt der Aufstieg auf den 1100 Meter hohen Etzel, jetzt nur noch im Wanderschritt. So steil geht es bergauf und die Wege sind mitunter, vom Regen aufgeweicht, crosstauglich. Wir sind nun 8 1/2 Stunden unterwegs und vor uns liegt noch immer mehr als eine Marathondistanz. Während ich immer mehr mehr auf dem Zahnfleisch laufe, kommt Daniela langsam in Schwung. Meinen Vorschlag, sie soll alleine weiter laufen, schlägt sie aus. Wir ziehen das gemeinsam durch, meint sie.

Der Regen lässt nur langsam nach. Ein langes Wiesenstück geht es bergab. Rechts ein Zaun, links geladener Weidedraht, Breite kaum einen halben Meter. Eine einzige Rutschpartie. Höre mehrere Fluch-schreie hinter mir von Läufern, die ausgerutscht sind.

Jetzt ist es nur noch Krampf. Noch 30 Km. Freue mich auf die letzte Verpflegung. Obwohl ich kaum noch essen oder trinken mag. Nur einen Moment stehen, bitte.

Von Thalwil geht es nun der Sihl entlang Richtung Zürich. Jeder Schritt schmerzt, die Dämmerung bricht langsam herein. Zum Glück hat der Regen nachgelassen. Stelle meinen MP3 Player an, um auf den letzten 12 Km noch mal die letzten Kräfte zu mobilisieren. Dream Of The Drowned Submariner singe ich leise mit.

Kurz vor Zürich müssen wir eine Wegmarkierung verpasst haben. Die Strecke ist mit kleinen Pfeilen markiert, die bei Müdigkeit und Dunkelheit schnell übersehen werden können. Wie sich später herausstellte, waren wir nicht die Einzigen, die sich verliefen. Müssen uns jetzt den Weg zum See bei Passanten erfragen, die sich wundern, was wir für komische Gestalten mit Startnummern sind. Lars Mose, ein ultralaufender Metzger aus Dänemark hat sich uns angeschlossen. Zusammen finden wir zurück zum See und nehmen die letzten beiden Kilometer ins Ziel, welches wir nach 13:54 Stunden überglücklich erreichen.

The Wayve ist für mich mit Abstand der längste und härteste Lauf meiner bisherigen Karriere. Die Länge, mit dem Höhenprofil eines Berglaufes und teilweise anspruchsvollen Trails, sind nichts für Anfänger. Nicht umsonst sind nur 102 Single Wayver ins Ziel gekommen. Dennoch glaube ich, dass sich das Projekt The Wayve durchsetzt und das Potential zu einem Kultlauf hat. Die Anfangsschwierigkeiten einer Premiere mit Verbesserungspotential bei der Streckenmarkierung, Zeitmessung und Verpflegung (Brot und Cola?), werden sicherlich berücksichtigt. Die Freundlichkeit aller Helfer, trotz widriger Wetterverhältnisse, wird uns in schöner Erinnerung bleiben.

Die Dame im Hotel hat uns, nach kurzer Erklärung, doch noch Zugang gewährt. Nach einem heissen Bad und einem kühlem Bier, habe ich mich mit wohligem Schmerz unter die Bettdecke verkrochen.

Bilder: The Wayve, Alphafoto

 

 

 

 

On the Wayve

Das mit dem Wayve in der Überschrift ist kein Schreibfehler, sondern eine der wohl grössten Herausforderungen als Läufer.

Wem ein Marathon nicht genügt, hat grosse Auswahl an Läufen jenseits der klassischen 42,195 Km langen Strecke, die in Fachkreisen als Ultralauf betitelt wird. Der Bieler Hunderter ist der Urultra. Später kamen Swiss Alpine und Andere dazu. Mittlerweile verliert man den Überblick, so viele Ultraläufe werden unterdessen angeboten. Aus der Vielzahl an Läufen haben wir uns für den Wayve entschieden. Es geht um den Zürichsee auf 111 Km mit 1800 Höhenmetern. Dabei werden mit dem Pfannenstiel und dem Etzel zwei markante Höhenzüge um den Zürichsee gelaufen

Was heisst eigentlich «The Wayve»? Das ist eine eigene Wortschöpfung, die sich aus The Way = Weg und The Wave = Welle zusammensetzt. Damit wollen wir sowohl den Weg, das Höhenprofil wie auch das Gefühl der Höhen und Tiefen, die man auf der 111 km langen Strecke durchlaufen wird, ausdrücken. (Zitate aus der Homepage).

Freuen uns mit grossem Respekt auf diese Herausforderung, die selbst für Daniela die längste bislang gelaufene Strecke wäre. Wer das Rennen verfolgen will, kann Samstag, den 22. September auf der Webseite mit „on the Wayve“ sein.

Ungleiche Duelle

Die Woche war noch jung, als ich mich bereits 2 ungleichen Duellen stellen musste.

Meine montägliche Joggingrunde am Morgen führte mich von Entfelden der Suhre entlang, bis zur Aaremündung. Auf dem Weg zum Aarauer Schachen traf ich dann auf Jugendliche, die vermutlich von der nahen Berufsschule aus joggen sollten. Klar, dass die sich nicht von einem älteren Herrn mit deutlichem Bauchansatz so einfach überholen lassen. Ein Träger eines mit dem Namenszug „Messi“ bedruckten Shirts hat sich von mir nicht aus der Reserve locken lassen und hat es bei seinem Wanderschritt belassen. Den Nächsten hatte dann doch der sportliche Ehrgeiz gepackt, als er mich von hinten kommen sah. Sein Versuch, mich mit einem langen Sprint abzuhängen misslang. Nach Luft ringend, nun nur noch gehend, liess er mich passieren um dann wieder eine Tempoattacke zu starten. Rasch schloss er wieder auf mich auf. Die kleine Forcierung von mir konnte er jedoch nicht mehr kontern. Glück für ihn, dass der Abzweig zum Sportplatz nahte, wo er dann heimtrotten konnte. Hoffe mal, dass dies kein repräsentativer Querschnitt des sportlichen Nachwuchses war.

Schon am folgenden Tag dann das nächste Duell. Mein Weg führte mich von Unterentfelden über Suhr, Gränichen auf den Rütihof nach Muhen und zurück nach Hause. Von Gränichen auf den Rütihof geht es ca. 200 Höhenmeter bergauf. Wenige Hundert Meter bevor es in die Steigung ging wurde ich von einem Fuhrwerk mit 2 Anhängern überholt. Da sich in den Wagen viele Menschen befanden, hat man statt eines Pferdegespanns einen Traktor für den Vortrieb gewählt. Selbst der hatte Mühe, die schwere Last den Berg rauf zu ziehen, so dass ich den ursprünglich beachtlichen Vorsprung auf wenige Hundert Meter verkürzen konnte. Mein Gruss auf den Berg wurde dann auch mit einem erhobenen Daumen vom Chauffeur erwidert. Hätte ich ihn überholt, wäre mir ein Job als Zugpferd sicher gewesen?

Döttinger Rebberglauf

Der Döttinger Rebberglauf läutete am vergangenen Samstag die Herbstlaufsaison für mich ein. Auf den 9,3 Kilometern waren ca. 175 Höhenmeter durch die angrenzenden Rebberge zu laufen. Viele kleine Anstiege und Gegensteigungen machen den Lauf anspruchsvoll, die spätsommerlichen Temperaturen nahe 25 Grad machten es nicht einfacher. Komme immer gerne an diesen kleinen, feinen Lauf im Norden des Aargaus, der fast familiären  Charakter hat. mit einer knappen Minute, die ich schneller als im Vorjahr an gleicher Stelle war, kann ich auch zufrieden sein. Wenn es passt bin ich am 7. September 2013 wieder dabei, wenn der 6. Döttinger Rebberglauf stattfindet.