MEDIZIN



Ist der Fuselanteil im Gesöff oder der Wassermangel im Kopf, sind die Spaltstoffe vom Methanol oder die vom Äthanol schuld an Kopfschmerzen und Brechreiz? Die Wissenschaft kann sich nicht einigen über die Ursachen des Menschheitsübels, das die Deutschen "Kater" nennen.

Zahlreich sind die Zweige der medizinischen Wissenschaft, die kaum ein Laie kennt. Der Testikologe etwa widmet sich den Hoden ("testes"), den Flatologen interessiert der Darmwind ("flatus").

Selbst unter Medizinern aber weithin unbekannt ist jenes Spezialgebiet, auf dem der Crapuloge forscht. Dabei konzentriert er seinen Expertenfleiß auf ein Leidensbild, das auf Erden weiter verbreitet ist als die meisten anderen. Seine Symptome sind Vertigo, Nausea und pulsierende Cephalgie, wie der Mediziner Schwindel, Übelkeit und jene Art des Kopfwehs bezeichnet, bei dem im Schädelinneren eine Techno-Band mit dem Herzen scheinbar um die Wette pumpert, während es gleich daneben in den Ohren braust wie in einem Testlabor für Dudelsäcke - weshalb nur muß der Mensch so leiden, bloß weil er sich einen auf die Kirsche oder gar voll die Kante gegeben hat?
Die Antwort, kaum zu glauben, aber wahr: Die moderne Hochleistungswissenschaft, die das menschliche Genom, ja sogar das Schwebeverhalten des Spermas im schwerelosen All enträtselt hat, vermag nicht schlüssig zu erklären, wie das "alkoholische Post-Intoxikations-Syndrom" zustande kommt, das der deutsche Volksmund "Kater" nennt.
Schlimmer noch, zumindest für den regen Alkoholverzehrer, der gern und oft den Kelchtest macht: Die Mediziner interessiert die Pathophysiologie der Crapula**, so der medizinische Name des Menschheitsübels, ungefähr soviel wie den Säufer die Olive im Martini. "Entgegen weitverbreiteter Annahme sind unsere Kenntnisse über die Crapula dürftig", räumt der englische Narkosearzt Ian Calder ein, der die medizinische Kater-Literatur für das "British Medical Journal" gesichtet und gewichtet hat. Er fand nicht einmal ein Dutzend Publikationen, denen er eine dem Thema angemessene Relevanz beimessen mochte - eine Forschungslücke, so tief und klaffend, daß dem britischen Wissenschaftsmagazin "New Scientist" die gewohnte Contenance abhanden kam: "Nach Jahrhunderten alkoholgeschmierter Zivilisation", haderte das Blatt, "sind die trinkenden Klassen noch immer nicht von diesem Fluch erlöst."
Um so mehr zu würdigen sind die Bemühungen der wenigen Experten, die das Phänomen des Katzenjammers mindestens im Ansatz untersucht haben - wenn auch mit höchst unbefriedigendem Resultat. Einig sind sich die Fachleute nicht einmal über einen Punkt, der in irischen Trinkrunden und vergleichbaren Einrichtungen der Katerforschung als gesichertes Wissen gilt: "Ein Kunterbunt von Spirituosen und Bier, gepaart mit noch mehr Whiskey, installiert unfehlbar die große Dampframme im Hirn", resümierte der Schriftsteller Brendan Behan die Erfahrungen eines Säuferlebens.
Doch all den Erkenntnissen zum Trotz, die Süffel seit der Antike in billionenfachem Selbstversuch gewannen, behaupten die Crapulogen Smith, Schroeder, Hill und Chapman von verschiedenen US-Universitäten unbeirrt: Art und Menge des konsumierten Alkohols hätten keinen signifikanten Einfluß auf die Katerbildung; diese sei vielmehr in erster Linie auf den Sauerstoffmangel zurückzuführen, den der Mensch erleidet, wenn er seinen Rausch ausschläft - weil er dann häufig und mit besonders langen Atempausen schnarche.
Mit Spott sowie der Vermutung, die vier Kollegen hätten nicht mehr alle Flaschen im Schrank, reagierten die Mitglieder der Fuselfraktion unter den Crapulogen auf die Studien des Schnarch-Quartetts. Denn als Anhänger der Begleitstoff-Theorie glauben sie fest daran, daß die entscheidende Ursache des Katers in den Fuselölen zu suchen sei, die in Alkoholika zu unterschiedlichen Anteilen enthalten sind.
Den größten Kater verursacht in den Studien dieser Forschergruppe deshalb stets der Bourbon-Whiskey, der mit 0,31 Prozent Begleitstoffen die Fuselliga der Getränke anführt.
Pech nur für die schöne Theorie, daß es zuhauf Trinker wie Winston Churchill, die Queen Mother oder die Herrscherin des Königreichs Dänemark gibt.
Sir Winston konnte schier unglaubliche Mengen an Cognac (Fuselanteil: 0,24 Prozent) katerfrei verzechen, lag aber nach Genuß von Wodka (Begleitstoffanteil: 0,01 Prozent) stets schwer in sauer. Die Königinmutter andererseits, die oft und gern ein Däpschen nimmt, trinkt ihren Gin (Fuselanteil: 0,04 Prozent) groß, pur und folgenlos, migräniert jedoch auf Wein (Fuselanteil ebenfalls nur 0,04 Prozent). Margarete, Regentin der Dänen, schließlich verträgt Cognac in churchillesken Mengen; nach dem Konsum von Whisky jedoch (Begleitstoffanteil: 0,16 Prozent) fühlt sich die Königin moros.
Sogar die mit Zusatzstoffen wie Glykol oder Zucker verseuchten Weine vom Typ Château Gicht zeitigen keineswegs vergleichbare Kater-Konsequenzen: Der eine trinkt die Plörre und steht am nächsten Morgen rosig auf, indes der andere aussieht wie ein von seinem Dienst an einer gotischen Kirche beurlaubter Wasserspeier. Und dann gibt es noch die wegen ihres Glücks fast hassenswerten Menschen, die ungeachtet von Art und Quantität des konsumierten Alkohols niemals unter Katzenjammer leiden.
Doch nicht einmal darüber, wie hoch der Prozentsatz der solcherart Begünstigten ist, können sich die Crapulogen einigen. Auf 30 Prozent taxieren ihn Experten in Frankreich, wo der Kater "gueule de bois" (hölzernes Maul) heißt. Dem widersprechen Kollegen aus Spanien und Italien: Lediglich 10 Prozent seien unanfällig für "resaca" (Meeresbrandung) respektive "stonato" (stumm).
Alles viel zu niedrig gegriffen, kontern Forscher aus dem trinkstolzen Skandinavien: 50 Prozent der Schweden geben an, niemals den "baksmälla" (Rückschlag) erlitten zu haben; noch resistenter präsentieren sich die Norweger, von denen angeblich nur 45 Prozent die "Zimmermänner" (jeg har tømmermenn) im Gebälk des Suffkopfs spüren. In Bayern hingegen hat überhaupt keiner einen Kater - den haben nur die Preußen, die Bayern haben einen "Suri".
Die bayerische Kampflosung ("oans, zwoa, gsuffa") gilt so oder so ähnlich auch in den Labors der Crapulogen, für deren Forschung es nun einmal unerläßlich ist, daß ihre Testpersonen ordentlich betimpelt sind - eine Variante des Menschenversuchs, die bei den Ethik-Kommissionen an Universitäten und Forschungsinstituten meistens kein Verständnis findet.
"Ihre Vorbehalte sind der Grund für unsere Kenntnislücken", klagt Wayne Jones, der den Katzenjammer am Nationalen Labor für forensische Toxikologie im schwedischen Linköping beforscht.
Mediziner Jones, ein Veteran der Katerkunde, ist die Leitfigur der Methanol-Fraktion unter den Crapulogen. Ihr gegenüber stehen die Anhänger der Äthanol-Theorie, die das ekle Acetaldehyd für die Katerbildung verantwortlich macht.
Die giftige Substanz entsteht als Zwischenprodukt beim Alkoholabbau in der Leber, die das Acetaldehyd dann in einem zweiten Schritt in harmlose Essigsäure verwandelt - leider nicht immer schnell genug: Beim Anschwall größerer Alkoholmengen kommt es zu einem Rückstau von Acetaldehyd, das daraufhin hoch konzentriert im Blut zirkuliert.
Zum Beweis dafür, daß hierdurch die Crapula entsteht, verweisen die Äthanol-Anhänger auf Erfahrungen aus Japan. Dort fehlt der Hälfte der Bevölkerung das Gen zur Bildung jenes Enzyms, das den Abbau von Acetaldehyd besorgt - mit der Folge, daß die betroffenen Japaner schon nach moderatem Bechern eine Art von Super-Kater überfällt, der mitunter fast ans Komatöse grenzt.
Das jammervolle Schicksal der Kamikaze-Trinker ist unbezweifelbar - ganz im Gegensatz zu der von Jones propagierten Theorie, nach der die Crapulösen unter einer veritablen Vergiftung mit Methanol leiden, einem der minderen Alkohole, die im Äthanol enthalten sind.
Das Garstige am Methanol ist das, was die Leber aus ihm macht: Sie verstoffwechselt den Minder-Alkohol zu Ameisensäure, einer hochtoxischen Substanz, der Jones die alleinige Schuld am Katzenjammer gibt. Zum Beweis führt er an, daß seine Probanden immer dann über die schlimmsten Katersymptome klagten, wenn der Ameisensäurepegel in ihrem Blut am höchsten war.
Zumindest in einer Hinsicht aber ist die Methanol-Theorie unschlagbar: Sie eröffnet jenen Trinkern, die ihren Kater nach bewährter Säufersitte per Nachtrunk zu bändigen versuchen, eine wissenschaftlich fundierte Handhabe gegen innerhäusliche Kritik. Denn bei erneuter Zuführung von Alkohol wendet sich die Leber wieder primär dem Äthanol zu und vernachlässigt den Methanolabbau - entsprechend sinkt der Ameisensäurespiegel im Blut und, wenn Jones recht hat, dadurch auch das Katerleid.
Totale Schnapsidee, kontert eine andere Forschergruppe: Der Aufguß am nächsten Morgen lindere bisweilen zwar die Symptome, dies aber nur, weil sich der Ernüchterte dadurch wieder rückbesaufe; damit konterkariere er den Entzug der vorher durch den Alkohol ausgeschütteten Glückshormone (Endorphine) im Gehirn, der den "Suri" nach Ansicht dieser Crapulogen-Riege primär verursacht.
In deren Fußstapfen torkeln auch jene Katerforscher, die davon ausgehen, daß die Crapula sozusagen auf dem Klo entsteht: Ihre Theorie gründet auf der Tatsache, daß Alkohol stark harntreibend wirkt - der dehydrierte Körper versucht, den Flüssigkeitsspiegel auszugleichen, indem er Wasser aus den Organen abzieht. Damit schrumpfe auch das Gehirn, das gegen diese Tortur nach Ansicht jener, die den Kater in der Diurese suchen, mit Kopfschmerzen protestiert - unumstritten ist zumindest ihr Rat, nach Suffexerzitien viel zu trinken.
Ähnlich banal sind fast alle Remeduren, die Experten bislang gegen die Folgen eines Alkoholidays zu bieten haben. Ihr derzeitiger Top-Tip für unentwegte Tresenlurche: eine Prise N-Acethylcystein (NAC), das es auch als Ökoarznei im Bioladen gibt. Ein oder zwei Gramm davon beförderten, so der Hoffnungsglaube, die Produktion von Gluthation, das beim Alkoholabbau eine Rolle spielt.
Doch auch diese Medikation ist so alt wie der Kater: Die Römer pflegten nach "abusus in baccho" frische Euleneier zu essen, die ebenso reich an NAC sind wie der Krötenlaich, auf den sich die alten Germanen verließen - die Risiken und Nebenwirkungen kennt nicht einmal der Arzt oder Apotheker.
Der würde höchstens wieder ein Katermittel propagieren, das zwar wirksam ist, gegen das die trinkenden Klassen aber seit alters her allergisch sind: Abstinenz.